Gedenkstein und Stolperschwelle für die Euthanasie-Opfer in den Alsterdorfer Anstalten

Ev. Stiftung Alsterdorf, Dorothea-Kasten-Straße (Alsterdorf)

  • Gedenkbuch für die Euthanasieopfer im Eingangsbereich der Alsterdorfer St.-Nicolaus-Kirche
  • Gedenkveranstaltung an der "Stolperschwelle" an der Dorothea-Kasten-Straße, 2011
  • "Stolperschwelle" für die Euthanasie-Opfer der Alsterdorfer Anstalten an der Dorothea-Kasten-Straße

Die ehemaligen Alsterdorfer Anstalten waren an der Umsetzung des nationalsozialistischen Programms der „Erb- und Rassenpflege“ im „Dritten Reich“ aktiv beteiligt. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 wurde aus voller Überzeugung begrüßt. Bereits vor 1933 hatte man mit einer sogenannten erbbiologischen Bestandsaufnahme der Anstaltsbewohner und ihrer Familien begonnen und eine sogenannte Erbgesundheitskartei angelegt. Direkt nach Inkrafttreten des Gesetzes wurden Hunderte Anstaltsbewohnerinnen und -bewohner zur Sterilisation angemeldet. 

Die Leitung der Anstalten beteiligte sich auch an der beständig aggressiveren Propaganda gegen schwächere, kranke und behinderte Menschen und an der rassenhygienisch begründeten, immer weiter um sich greifenden Institutionalisierung von abweichenden oder für unbrauchbar gehaltenen Menschen in den Heimen und Anstalten.

Im August 1937 begann die systematische Abschiebung der jüdischen Anstaltsbewohnerinnen und -bewohner aus den Alsterdorfer Anstalten. Als im Juli 1940 die Meldebögen der Euthanasie-Zentrale aus Berlin eintrafen, war man über den Zweck der Erfassung voll informiert. Dennoch wurden 465 ausgefüllte Meldebögen zurückgeschickt und lediglich ein Memorandum beigelegt, in dem man beteuerte, die Angaben nur zu dem offiziell angegebenen „wirtschaftlichen Zweck“ gemacht zu haben und keinerlei Verantwortung für eine „anderweitige Verwendung“ zu übernehmen. 

Im Juli 1941 wurden in der Euthanasie-Zentrale in Berlin auf Grundlage der Meldebögen 70 Anstaltsbewohner und -bewohnerinnen aus Alsterdorf ausgewählt und mit den „grauen Bussen“ über Langenhorn nach Dziekanka bei Gnesen abtransportiert. 69 von ihnen wurden dort in den nächsten Monaten durch Hunger und Medikamente getötet.

Im August 1943 kam es nach den schweren Bombenangriffen auf Hamburg zu neuen Abtransporten aus den Alsterdorfer Anstalten, diesmal in der Eigenregie der Anstaltsleitung. Ausgesucht wurden von den Anstaltsärzten die „Schwächsten der Schwachen“, 469 Kinder, Frauen und Männer, die in die Tötungsanstalten deportiert wurden. 

Insgesamt wurden 630 Bewohnerinnen und Bewohner aus den Alsterdorfer Anstalten in Zwischen- oder Tötungsanstalten abtransportiert, darunter auch viele Kinder, alleine neun direkt in die sogenannten Kinderfachabteilungen. 513 abtransportierte Bewohnerinnen und Bewohner wurden nachweislich ermordet.

Gedenken an die Euthanasie-Opfer

Erst in den 1980er-Jahren begann in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Im April 1984 wurde ein Mahnmal für die Alsterdorfer Euthanasie-Opfer als Zeichen der Schuld und der daraus erwachsenden Verantwortung eingeweiht. Die Namen der Getöteten werden in einem Gedenkbuch genannt, das im Eingangsbereich der Alsterdorfer St.-Nicolaus-Kirche ausliegt. 

1987 erschien die erste Auflage des Buches „Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr“ zur Geschichte der Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus.

1993 wurde die Zufahrtsstraße zur Evangelischen Stiftung Alsterdorf am 50. Jahrestag des Euthanasie-Transports von über 200 Mädchen und Frauen in den Steinhof in Wien nach einem der Opfer dieses Transports, Dorothea Kasten, benannt. 

1996 wurden die sterblichen Überreste von zehn Alsterdorfer Euthanasie-Opfern aus Wien auf dem Gräberfeld der Geschwister-Scholl-Stiftung auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt. Sie stammten aus einer umfangreichen Sammlung von Gehirnen und Gehirnschnitten von Euthanasie-Opfern im Ludwig-Boltzmann-Institut auf dem Gelände des ehemaligen Steinhofs in Wien, die auch noch nach 1945 zu Forschungszwecken verwendet wurden.

2006 wurde vor der ehemaligen Pforte der Alsterdorfer Anstalten vom Künstler Gunter Demnig eine Stolperschwelle in den Bürgersteig der Dorothea-Kasten-Straße mit den Zahlen der Deportierten und Ermordeten verlegt. Von diesem Ort fuhren die Busse ab, mit denen die Opfer 1941 und 1943 deportiert wurden.

2022 wird ein Lern- und Gedenkort vor der St.-Nicolaus-Kirche in Alsterdorf eingerichtet, in dessen Mittelpunkt das aus der Apsiswand der Kirche herausgenommene Scraffito-Altarbild aufgestellt wird. Das Bild stammt aus dem Jahre 1938 und ist ein Dokument sakraler NS-Kunst. Es zeigt eine Gemeinde von 12 Heiligenschein tragenden biblischen und zeitgenössischen Personen, die um das Kreuz versammelt sind, sowie drei weitere Menschen mit Behinderung. Sie tragen keinen Heiligenschein, werden von den anderen nur gehalten und sprengen die heilige Zahl 12. Das Bild gilt heute, auch nachdem sich die Gemeinde geweigert hatte, weiter davor Gottesdienste durchzuführen, als Symbol der Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderung und ihrer Exklusion aus der Gemeinschaft.